Veröffentlicht
Zuletzt aktualisiert
Lesezeit

IACM-Informationen vom 28. August 2010

Authors

đŸ·ïž Wissenschaft — Produktion von THC durch gentechnisch manipulierte Bakterien

Wissenschaftler der Technischen UniversitĂ€t Dortmund haben Bakterien durch Gen-Manipulation dazu gebracht, den Hauptwirkstoff von Cannabis zu produzieren. Dieses Verfahren zur Herstellung von THC (Dronabinol) soll im Vergleich zu dem bisher in Deutschland angewandten Verfahren weniger aufwĂ€ndig und damit gĂŒnstiger sein, erklĂ€rte Oliver Kayser von der UniversitĂ€t am 17. August.

Dronabinol wird in Deutschland bisher aus Faserhanf gewonnen. Dabei wird Cannabidiol (CBD) aus dem Hanf extrahiert und zu THC umgewandelt. Die Gewinnung aus THC-reichem Drogenhanf ist in Deutschland nicht erlaubt. Die vollsynthetische Herstellung von Dronabinol sei im Vergleich zu dem neuen Verfahren ebenfalls kostspielig. Kayser rechnet bei dem neuen Verfahren mit Herstellungskosten von nur etwa 2.500 Euro pro Kilogramm THC. Koli-Bakterien mit isolierten Genen, die in der Cannabispflanze fĂŒr die THC-Bildung zustĂ€ndig sind, werden dazu verwendet. Zusammen mit einem Pharmaunternehmen plant die Uni Dortmund nun die GrĂŒndung eines Unternehmens zur THC-Produktion.

Mehr unter:

http://derstandard.at/1281829392202/Tetrahydrocannabinol-Bakterien-koennen-ohne-viel-Aufwand-Cannabis-Wirkstoff-produzieren

(Quelle: Der Standard vom 17. August 2010)

🌐 Deutschland — Änderungen des BetĂ€ubungsmittelgesetzes zur Ermöglichung der Zulassung von Sativex geplant

Die Regierung will pharmazeutischen Unternehmen erlauben, AntrĂ€ge auf Zulassungen von Medikamenten auf Cannabisbasis in Deutschland zu stellen. In einem Kommentar schreibt die Regierung: "Da in Europa (Großbritannien) eine Zulassung fĂŒr ein Fertigarzneimittel mit Cannabis-Extrakt zur symptomatischen Therapie der Spastik bei Multipler Sklerose erteilt wurde, ist es zeitnah notwendig, fĂŒr einen auch in Deutschland bevorstehenden Antrag auf Zulassung dieses Arzneimittels das generelle Verkehrsverbot fĂŒr Cannabis zu medizinischen Zwecken aufzuheben." Wie in anderen europĂ€ischen LĂ€ndern, die Sativex zugelassen haben oder noch zulassen wollen, ist die GesetzesĂ€nderung auf Medikamente auf Cannabisbasis beschrĂ€nkt, die von den zustĂ€ndigen Behörden arzneimittelrechtlich zugelassen wurden. Die Zulassung in Deutschland wird fĂŒr das Jahr 2011 erwartet und ist auf die Indikation Spastik bei multipler Sklerose begrenzt.

Die Regierung folgt den Empfehlungen des SachverstĂ€ndigenausschuss fĂŒr BetĂ€ubungsmittel vom 3. Mai, das heißt die Umstufung von "Cannabis (Marihuana, Pflanzen und Pflanzenteile der zur Gattung Cannabis gehörenden Pflanzen)" von der Anlage I in die Anlage II des BetĂ€ubungsmittelgesetzes, sofern sie "zur Herstellung von Zubereitungen zu medizinischen Zwecken bestimmt sind". Zudem empfahl der Ausschuss, folgende Position in die Anlage III des BetĂ€ubungsmittelgesetzes aufzunehmen: "Cannabis-Extrakt (Extrakt, der aus Pflanzen und Pflanzenteilen der zur Gattung Cannabis gehörenden Pflanzen gewonnen wird)" und zwar "nur in Zubereitungen, die als Fertigarzneimittel zugelassen sind". Die Anlage I des deutschen BetĂ€ubungsmittelgesetzes enthĂ€lt Substanzen, die nicht verschreibungsfĂ€hig und nicht verkehrsfĂ€hig sind, wie z.B. Heroin, Kokain, LSD und Cannabis. Die Umstufung von Cannabisextrakt in die Anlage III des BetĂ€ubungsmittelgesetzes bezieht sich zunĂ€chst auf die erwartete arzneimittelrechtliche Zulassung von Sativex.

AusfĂŒhrliche Stellungnahme zu den Änderungen durch die ACM unter:

http://www.cannabis-med.org/nis/data/file/stellungnahme_2010.pdf

(Quelle: Referentenentwurf einer 25. Verordnung zur Änderung betĂ€ubungsmittelrechtlicher Vorschriften)

🌐 Deutschland — Bundesinstitut fĂŒr Arzneimittel und Medizinprodukte lehnt Antrag auf Eigenanbau von Cannabis fĂŒr medizinische Zwecke ab

Das Bundesinstitut fĂŒr Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), das der Aufsicht des Bundesgesundheitsministeriums untersteht, hat einem Multiple-Sklerose-Patienten untersagt, Cannabis selbst anzubauen. Der Bescheid vom 10. August wurde vor allem begrĂŒndet mit Sicherheitsbedenken beim Anbau in der Wohnung, einer erhöhten Gefahr fĂŒr Missbrauch, der Verwendung einer nicht standardisierten Substanz und der SchĂ€digung des internationalen Ansehens Deutschlands. Zudem argumentiert das BfArM, dass der Antragsteller Zugang zu Cannabis aus der Apotheke habe. Michael Fischer aus Mannheim ist seit vielen Jahren auf Cannabis angewiesen und wurde im Jahr 2003 in einem strafrechtlichen Verfahren wegen Verstoßes gegen das BetĂ€ubungsmittelgesetz unter dem Gesichtspunkt des rechtfertigenden Notstands freigesprochen.

Er besitzt bereits eine Ausnahmegenehmigung vom BfArM zur Verwendung von Cannabis aus der Apotheke, der aus den Niederlanden importiert wurde. Angesichts des erheblichen Bedarfs an Cannabis wĂŒrde Cannabis aus der Apotheke allerdings etwa 1500 EUR kosten. Daher kommt fĂŒr Herrn Fischer nur der Eigenanbau in Frage. Sein Antrag wurde vom BfArM jahrelang nicht bearbeitet, obwohl das Bundesverwaltungsgericht in einem Urteil vom 19. Mai 2005 darauf hingewiesen hatte, dass bei einer Ausnahmegenehmigung zur medizinischen Verwendung von Cannabis am ehesten eine Erlaubnis zum Eigenanbau in Frage komme. In dem Gerichtsurteil heißt es: "Der Verweis auf ein Arzneimittel, das weder ohne weiteres verfĂŒgbar noch fĂŒr den normalen BĂŒrger erschwinglich ist, stellt aber keine Alternative dar, die das öffentliche Interesse am Einsatz von Cannabis zur KrankheitsbekĂ€mpfung entfalten lĂ€sst."

Erst eine UntĂ€tigkeitsklage vor dem Verwaltungsgericht Köln fĂŒhrte nun dazu, dass das BfArM eine Entscheidung getroffen hat. Diese Entscheidung geschah offenbar aufgrund einer Weisung aus dem Bundesgesundheitsministerium, da aus Aktennotizen in den Unterlagen von Herrn Fischer beim BfArM hervorgeht, dass "die Erteilung einer Erlaubnis zum Cannabis-Eigenanbau therapeutisch begrĂŒndet und auf Grund seiner prekĂ€ren Situation ohne Alternative" sei. Nun mĂŒsse das Bundesgesundheitsministerium entscheiden, heißt es in den Aktenvermerken.

Mehr in den ACM-Mitteilungen vom 28. August 2010:

http://www.cannabis-med.org/german/acm-mitteilungen/ww_de_db_cannabis_artikel.php?id=66

(Quellen: Widerspruchsbescheid vom 10. August 2010, Pressemitteilung von Dr. Oliver Tolmein vom 18. August 2010)

🌐 Holland/USA — Der Cannabisanbauer Bedrocan wird international und strebt langfristig eine Zulassung durch die US-amerikanischen Gesundheitsbehörden an

Bedrocan International, das seit kurzem in Oakland, USA, niedergelassen ist, ist ein Tochterunternehmen von Bedrocan BV in den Niederlanden. Seit 2003 produziert Bedrocan unter der Kontrolle des hollĂ€ndischen Gesundheitsministeriums qualitativ hochwertigen, standardisierten Cannabis fĂŒr die Abgabe in Apotheken. Das Unternehmen versucht auch eine Zulassung fĂŒr den Anbau von Cannabis im Auftrag der israelischen Regierung zu erhalten. Michael Sautman, Direktor von Bedrocan International, versucht das Unternehmen in der schnell wachsenden Industrie fĂŒr medizinischen Cannabis in den USA zu positionieren und dabei zu helfen, die Produktion zu professionalisieren. Sautmans Vision ist die Nutzung des amerikanischen Verfahrens zur Zulassung von Medikamenten fĂŒr die Legalisierung von medizinischem Cannabis im ganzen Land.

Der Zulassungsprozess bei der US-amerikanischen Zulassungsbehörde (Food and Drug Administration, FDA) dauert Jahre und kostet Millionen. Es gibt viele regulatorische HĂŒrden fĂŒr den Plan von Bedrocan. Um FDA-genehmigte Cannabisforschung zu betreiben, mĂŒssen Wissenschaftler die Droge von einer bundesbehördlich genehmigten Quelle erhalten. Es gibt im Land nur eine – an der UniversitĂ€t von Mississippi – und eine Erlaubnis zur Verwendung ihres Produkts zu erhalten, ist nicht einfach. Wissenschaftler könnten möglicherweise auch ihren eigenen Forschungscannabis anbauen, aber sie brauchen eine Erlaubnis der Bundesbehörden dafĂŒr, und bisher wurden solche AntrĂ€ge abgelehnt.

Mehr unter:

http://www.baycitizen.org/marijuana/story/dutch-company-enters-oakland-pot-scene/

(Quelle: Bay Citizen vom 13. August 2010)

Kurzmeldungen

đŸ·ïž Wissenschaft — Magenbewegungen

Nach Forschung an der St-George-UniversitĂ€t in London (Großbritannien) induzieren Cannabinoide eine Reduzierung der Schrittmacher-Frequenz der Magenbewegungen. Die Forscher beobachteten eine Zunahme der Bewegungen nach der Verabreichung einer Substanz (Apomorphin), die bei Tieren Erbrechen verursacht. Sie stellten fest, dass ihre Forschung mit dem synthetischen Cannabinoid WIN 55,212-2 "neue Einsichten in den Mechanismus, der die Abnahme der Bewegungen, die durch Cannabinoide induziert werden, ermöglicht". (Quelle: Percie du Sert N, et al. Neurogastroenterol Motil, 22. August 2010 [im Druck])

đŸ·ïž Wissenschaft — Altern

Nach Forschung an der UniversitÀt von Bonn (Deutschland) weisen MÀuse ohne CB1-Rezeptoren eine beschleunigte Abnahme des Lernens und des GedÀchtnisses auf. Diese Alterungs-Àhnlichen VerÀnderungen waren auf die kognitive LeistungsfÀhigkeit und die Hautstruktur begrenzt. Keine anderen Organen wiesen Zeichen beschleunigten Alterns auf. Die Forscher folgerten, "dass das Fehlen von CB1-Rezeptoren kein allgemeines beschleunigtes Altern induziert". (Quelle: Bilkei-Gorzo A, et al. Neurobiol Aging, 17. August 2010 [im Druck])

đŸ·ïž Wissenschaft — Arthritische Schmerzen

Nach Forschung an der UniversitĂ€t von Nottingham (Großbritannien) waren die Spiegel der Endocannabinoide Anandamid (AEA) und 2-Arachidonoylglycerol (2-AG) im RĂŒckenmark von Ratten mit experimenteller Arthritis erhöht. Die Arthritis war durch Injektionen einer Chemikalie in die Gelenke induziert worden. CB1- und CB2-Rezeptoren waren in diesem Modell an der Kontrolle der Schmerzen beteiligt. Die Forscher stellten fest, dass die "neuartige Kontrolle von Reaktionen der Spinalnerven durch spinale CB2-Rezeptoren nahe legt, dass dieses Rezeptorsystem ein wichtiger Angriffspunkt fĂŒr die Modulierung von Schmerzen" bei Arthritis sein könnte. (Quelle: Sagar DR, et al. Arthritis Rheum, 18. August 2010 [im Druck])

đŸ·ïž Wissenschaft — Morbus Huntington

Forscher aus Leuwen (Belgien) verglichen die Verteilung von CB1-Rezeptoren bei 20 Patienten, die am Morbus Huntington litten, mit 14 gesunden Kontrollpersonen. Sie beobachteten eine deutliche Abnahme der CB1-Rezeptor-VerfĂŒgbarkeit in der grauen Substanz des Gehirns bei den Patienten, selbst in frĂŒhen Krankheitsstadien. Sie stellten fest, dass "dies nach unserer Kenntnis die erste Demonstration einer Störung des Endocannabinoidsystems bei einer neurologischen Erkrankung am lebenden Menschen" darstellt. (Quelle: Van Laere K, et al. J Nucl Med, 18. August 2010 [im Druck])

đŸ·ïž Wissenschaft — Reizdarm

Wissenschaftler am Akademischen Medizinzentrum Amsterdam (Niederlande) untersuchten die rektale Empfindlichkeit von 10 Patienten mit Reizdarm und 12 gesunden Freiwilligen nach einem Plazebo, und zwei verschiedenen THC-Dosen (5 und 10 mg) in einem doppelblinden und kreuzkontrollierten Design. THC Ă€nderte verglichen mit dem Plazebo nicht die rektale Wahrnehmung einer Weitung bei gesunden Personen oder den Patienten. Die Forscher folgerten, dass ihre Ergebnisse "gegen (zentral wirkende) CB-Agonisten als Mittel zur Reduzierung der viszeralen Überempfindlichkeit" bei Patienten mit Reizdarm sprechen. (Quelle: Klooker TK, et al. Neurogastroenterol Motil, 16. August 2010 [im Druck])

đŸ·ïž Wissenschaft — Abbau von Anandamid

Nach Forschung an der Stony-Brook-UniversitĂ€t in New York (USA) besitzt Cyclooxygenase-2 (COX-2) die FĂ€higkeit, Anandamid (AEA) abzubauen. Es ist bekannt, dass die COX-2 EntzĂŒndungen vermittelt und zur Neurodegeneration beitrĂ€gt. Anandamid wird vor allem durch die FettsĂ€ureamidhydrolase (FAAH) abgebaut. Die Wissenschaftler stellten fest, dass ihre "Befunde COX-2 als Vermittler eines regionalen AEA-Abbaus im MĂ€usegehirn etablieren". (Quelle: Glaser S, et al. J Pharmacol Exp Ther, 11. August 2010 [im Druck])