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ACM-Mitteilungen vom 05. Mai 2012

Öffentliche Anhörung im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestags am 9. Mai

Am 9. Mai 2012 findet im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestags eine öffentliche Anhörung zum Antrag von Bündnis 90/Die Grünen "Zugang zu medizinischem Cannabis für alle betroffenen Patientinnen und Patienten ermöglichen" statt. Organisatorische Informationen finden sich auf der Seite des Deutschen Bundestags:
www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/a14/anhoerungen/u_Zugang_zu_medizinischem_Cannabis/index.html

Eine Anzahl von Verbänden und Einzelsachverständigen sind gebeten worden, Stellungnahmen zum Antrag abzufassen. Auch diese sind zum Teil bereits auf der Internetseite des Deutschen Bundestags verfügbar, darunter auch die Stellungnahmen des Selbsthilfenetzwerk Cannabis Medizin (SCM) und der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (ACM):
www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/a14/anhoerungen/u_Zugang_zu_medizinischem_Cannabis/Stellungnahmen/index.html

Hier ein Auszug aus der Stellungnahme der ACM:
"Die ACM unterstützt den Antrag von Bündnis 90/Die Grünen "Zugang zu medizinischem Cannabis für alle betroffenen Patientinnen und Patienten ermöglichen" vom 08.06.2011. Er sieht vor, dass die Bundesregierung aufgefordert wird,

"a) einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den im Regelfall ein betäubungsmittelrechtliches Strafverfahren wegen Gebrauchs von Cannabis eingestellt und die Beschlagnahme sowie Einziehung des Betäubungsmittels ausgeschlossen wird, wenn die oder der Tatverdächtige Cannabis aufgrund einer ärztlichen Empfehlung verwendet und dabei zugleich die Voraussetzungen sowie das Verfahren zu regeln, nach denen eine solche ärztliche Empfehlung anhand einer Liste von Indikationen ausgestellt und nachgewiesen werden kann,
b) durch das Bundesministerium für Gesundheit eine Expertengruppe nach § 35c Absatz 1 des Fünften Buches Sozialgesetzbuch (SGB V) einzuberufen, die für eine Beratung und Beschlussfassung im Gemeinsamen Bundesausschuss Bewertungen zur zulassungsüberschreitenden Anwendung von Arzneimitteln auf Basis von Cannabis erstellt und in diesen Fällen für schwerstkranke, jedoch nicht an einer regelmäßig tödlich verlaufenden Erkrankung leidende Patientinnen und Patienten einen Anspruch auf Kostenübernahme für Medikamente im Off-Label-Use ermöglicht."

Diese Maßnahmen sind geeignet, die bisher unbefriedigende medizinische Versorgung mit Cannabisprodukten zu verbessern. Wir unterstützen diese Forderungen daher uneingeschränkt.
Insbesondere sind sie geeignet:
die Krankenkassen nicht aus ihrer Pflicht zu entlassen, die Kosten für Cannabinoidmedikamente bei einigen Indikationen mit guter wissenschaftlicher Datenlage zu übernehmen,
die soziale und damit gesundheitliche Schere zwischen Patienten, die sich eine Behandlung mit Cannabinoidmedikamenten auf einem Privatrezept leisten können, und solchen Patienten, die das nicht können, zu verringern,
mehr Patienten, die von Cannabisprodukten medizinisch profitieren, einen legalen Zugang zu einer solchen Therapie zu eröffnen, und
die Strafverfolgung von Patienten, die heute gezwungen sind, Cannabisprodukte illegal zu verwenden, weil sie keine andere Alternative haben, zu beenden, wenn ihr behandelnder Arzt eine Therapie mit Cannabisprodukten befürwortet.
Heute kann von der Verfolgung eines Vergehens nach § 29 BtMG abgesehen werden, "wenn die Schuld des Täters als gering anzusehen wäre, kein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung besteht und der Täter die Betäubungsmittel lediglich zum Eigenverbrauch in geringer Menge anbaut, herstellt, einführt, ausführt, durchführt, erwirbt, sich in sonstiger Weise verschafft oder besitzt" (§ 31a BtMG).
Zudem soll von der Verfolgung abgesehen werden, wenn "der Täter in einem Drogenkonsumraum Betäubungsmittel lediglich zum Eigenverbrauch, der nach § 10a geduldet werden kann, in geringer Menge besitzt, ohne zugleich im Besitz einer schriftlichen Erlaubnis für den Erwerb zu sein" (§ 31a BtMG). Eine Strafverfolgung findet also nicht statt, wenn die Schuld des Täters als gering anzusehen wäre, und wenn der Täter harte Drogen in einem medizinischen Kontext (Drogenkonsumraum) einnimmt.
Bei einer medizinischen Verwendung sonst illegaler Cannabisprodukte und einer Befürwortung der Selbstmedikation durch einen Arzt liegt ebenfalls allenfalls nur eine "geringe Schuld" vor, wenn in diesem Kontext überhaupt von einer Schuld gesprochen werden kann. Daher sollten diese meistens schwerkranken Patienten nicht strafrechtlich verfolgt werden."

Der vollständige Wortlaut der ACM-Stellungnahme findet sich hier:
www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/a14/anhoerungen/u_Zugang_zu_medizinischem_Cannabis/Stellungnahmen/17_14_0265_4__IACM_Internationale_Arbeitsgemeinschaft_f__r_Cannabinoidmedikamente.pdf

Der Wortlaut der SCM-Stellungnahme findet sich hier:
www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/a14/anhoerungen/u_Zugang_zu_medizinischem_Cannabis/Stellungnahmen/17_14_0265_1__SCM_Patientenvereinigung_Selbsthilfenetzwerk_Cannabis_als_Medizin.pdf

Cannabispatient erhält Führerschein zurück

Nach langem Kampf hat Ralf Hermann vom Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis in Heidelberg seinen Führerschein zurückerhalten. Das ACM-Mitglied Hermann gehört zu den Patienten, die vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte eine Ausnahmegenehmigung zur Verwendung von Cannabis aus der Apotheke erhalten haben. Ein Gutachten im Rahmen einer MPU (Medizinisch-Psychologische Untersuchung) einer Begutachtungsstelle für Fahreignung in Koblenz vom 25. April war positiv ausgefallen.

Im März 2010 hatte Herr Hermann unter dem Einfluss von Cannabis und Amphetaminen am Straßenverkehr teilgenommen, und es waren dadurch Zweifel an der Kraftfahreignung entstanden. Herr Hermann hatte angegeben, dass er aufgrund seiner ADHS-Erkrankung aus medizinischen Gründen Cannabis verwende. Im Gutachten heißt es dazu: "Es sei festzuhalten, dass bei Herrn Hermann aufgrund der Dauerbehandlung mit THC von einem regelmäßigen gewohnheitsmäßigen Cannabiskonsum ausgegangen werden müsse, sobald die entsprechenden Grenzwerte bei THC 1,0 ng/ml überschritten seien."

Da Herr Hermann zwischenzeitlich eine Ausnahmegenehmigung von der Bundesopiumstelle erhalten hat, sollte die MPU die Frage klären, "inwieweit Herr Hermann Betäubungsmittel (ausgenommen Cannabis) konsumiert und inwieweit aufgrund der bestehenden Erkrankung (ADHS) und der damit einhergehenden notwendigen Einnahme der Medikation (Cannabis, Dronabinol) Fahreignung gegeben ist. Kann aufgrund der Cannabisaufnahme überhaupt von einem gelegentlichen Konsum ausgegangen werden, welche es zulässt, Cannabiskonsum und Verkehrsteilnahme zu trennen? Es ist daher auch die Frage zu klären, ob er trotz der Hinweise auf gelegentlichen Cannabiskonsum sowie der bekannten Verkehrsteilnahme unter Cannabiseinfluss ein Kraftfahrzeug sicher führen wird und insbesondere nicht zu erwarten ist, dass er auch künftig ein Kraftfahrzeugs unter Einfluss von Betäubungsmitteln oder deren Nebenwirkungen führen wird. (...) Liegen Einschränkungen der Leistungsfähigkeit vor, welche kompensiert werden können?"

Das MPU-Gutachten verweist auf ein allgemeinärztliches Gutachten vom Januar 2012. Darin heißt es, dass ein Cannabis-Gebrauch aus medizinischer Indikation ärztlicherseits als sinnvoll angesehen werde, da eine Behandlung mit Ritalin nur die Aggressivität des Herrn Hermann erhöhe und eine langlaufende Verhaltenstherapie keinen anhaltenden durchgreifenden Erfolg gebracht habe. Die Medikation mit Cannabis sei bislang die einzige tragfähige Therapie-Alternative gewesen.

Das MPU-Gutachten zitiert auch eine Stellungnahme des Leiters der Bundesopiumstelle, Herrn Cremer-Scheffer, vom 7.2.2011. Darin heißt es: "Patienten, die von der Bundesopiumstelle eine Ausnahmegenehmigung zur therapeutischen Anwendung von Cannabis (als Extrakt oder Blüten) erhalten haben, seien von einem Fahrverbot und unter Umständen von der Entziehung der Fahrerlaubnis bedroht, da der Führer eines Kraftfahrzeuges nach § 24a Straßenverkehrsgesetz (StVG) ordnungswidrig handele, wenn Cannabis (THC) in seinem Blut nachgewiesen werde. § 24a StVG werde nicht nur auf Cannabis sondern auch auf andere Stoffe, die gegebenenfalls Bestandteile von Arzneimitteln seien, angewendet. Die betroffenen Stoffe seien in der Anlage § 24a StVG aufgeführt. Ausnahmen seien geltend, wenn die verwendete Substanz aus der bestimmungsmäßigen Einnahme eines für einen konkreten Krankheitsfall verschriebenen Arzneimittels herrühre.
Bei der ärztlich begleiteten Selbsttherapie mit Cannabis auf der Grundlage einer Erlaubnis nach § 3 Abs. 2 BtMG handle es sich unzweifelhaft um eine ärztliche Anwendung. Cannabis könne aber aufgrund betäubungsmittelrechtlichen Vorschriften u. U. nicht im Sinne von § 24a StVG verschrieben werden, so dass zwar bei der Anwendung des § 24 StVG keine Ausnahme für Cannabis in der ärztlich begleiteten Selbsttherapie möglich sei. Eine ärztlich begleitete Selbsttherapie mit Cannabis sei jedoch, zumindest sobald eine gleich bleibende Dosierung erreicht sei, bezüglich der möglichen Auswirkungen auf die Fähigkeit zum Führen eines Kraftfahrzeuges der Therapie mit einem verschriebenen Arzneimittel vergleichbar. Cannabis werde in den betroffenen Fällen als Arzneimittel angewendet, der Arzt habe eine Dosierungsempfehlung abgegeben und der Patient wende Cannabis bestimmungsgemäß an.

Das MPU-Gutachten fasst die ausführliche Untersuchung wie folgt zusammen:
"Herr Hermann konsumiert keine Betäubungsmittel im Sinne des Betäubungsmittelgesetzes (ausgenommen Cannabis) und trotz der bestehenden Erkrankung (ADHS) und der damit einhergehenden notwendigen Einnahme der Medikation (Cannabis, Dronabinol) ist davon auszugehen, dass Fahreignung gegeben ist.
Gemäß der Ausführungen der behandelnden Fachärzte, den Angaben von Herrn Hermann und den Untersuchungsbefunden im Rahmen der Begutachtung ist die Krankheitssymptomatik durch die medikamentöse Dauerbehandlung mit Medizinal-Cannabisblüten abgeschwächt und kompensiert, so dass unter Berücksichtigung der Leitsätze zur Grunderkrankung die Voraussetzungen zur Teilnahme am Straßenverkehr gegeben sind.
Aufgrund der Cannabisaufnahme kann nicht von einem gelegentlichen Konsum ausgegangen werden, aber der von Seiten des Herrn Hermann zuverlässige bestimmungsgemäße Konsum von Cannabisblüten im Rahmen eine ärztlich begleiteten Selbsttherapie von Medizinal-Cannabis lässt es zu, illegalen Cannabiskonsum und Verkehrsteilnahme zu trennen.
Herr Hermann kann trotz der Hinweise auf regelmäßigen, ärztlich begleiteten in der Dosierung therapeutisch festgelegten Cannabiskonsum sowie der bekannten Verkehrsteilnahme unter Cannabiseinfluss ein Kraftfahrzeug sicher führen.
Insbesondere ist nicht zu erwarten, dass Herr Hermann auch künftig ein Kraftfahrzeug unter Einfluss von Betäubungsmitteln oder deren Nachwirkungen führen wird.
Es liegt eine ausreichende Compliance und Kenntnis der Erkrankung vor, die ein Gefährdungspotenzial durch Teilnahme am Straßenverkehr nicht überdurchschnittlich hoch erscheinen lassen.
Es liegen keine Einschränkungen der Leistungsfähigkeit vor, die kompensiert werden müssten."

Presseschau: Der einzige Cannabis-Apotheker der Schweiz (Tagesanzeiger, Schweiz)

Der Tagesanzeiger in der Schweiz berichtete über den Apotheker Dr. Manfred Fankhauser, der in Langnau eine Apotheke betreibt. Das langjährige ACM-Mitglied gibt dort Dronabinol auf Rezept an Patienten ab. In der Schweiz darf Dronabinol nur mit einer Sonderbewilligung des Bundesamtes für Gesundheit verschrieben werden.

www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Der-einzige-CannabisApotheker-der-Schweiz/story/27548220
Der einzige Cannabis-Apotheker der Schweiz
Von Annina Hasler, 4. Mai 2012

Medikament mit politischen Nebenwirkungen: Als schweizweit einziger Apotheker besitzt ein Langnauer die Bewilligung, in bestimmten Fällen Patienten Cannabis als Medikament zu verschreiben.
Macht man sich im Internet auf Manfred Fankhausers Spuren, so wird man in einschlägigen Foren fündig: «Manfred Fankhauser» in Verbindung mit «Hanf», «Cannabis» oder «Haschisch» ergibt jeweils Tausende Treffer. Nicht alle sind dem Langnauer Apotheker lieb, denn er beschäftigt sich nur mit einer Seite der berühmt-berüchtigten Pflanze: der medizinischen.

Das Gesetz ist zwar streng...
Seit Jahren setzt sich der Pharmazeut für den Hanf («Cannabis sativa») als Heilpflanze ein. In der Schweiz ist der Langnauer der einzige Apotheker, der die Erlaubnis des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) besitzt, ein Cannabispräparat zur medizinischen Anwendung zu verkaufen. Allerdings dürfen seine Kunden das Präparat vorerst nur mit einem speziellen Gerät inhalieren, eine andere Anwendungsform ist noch nicht erlaubt.
Im November 2008 sagte das Schweizer Stimmvolk Ja zur Revision des Betäubungsmittelgesetzes, im Juli 2011 ist sie in Kraft getreten. Zwar ist das neue Gesetz in Bezug auf Drogen strenger geworden. Doch was viele nicht wissen: Für die Nutzung von Hanf als Medikament hat die Revision einige Lockerungen mit sich gebracht. Neu ist nämlich Cannabis als Heilmittel erlaubt – allerdings geknüpft an Bedingungen. Für Fankhauser heisst dies, dass er nun ein natürliches Cannabispräparat verkaufen darf.

... aber er fand ein Schlupfloch
Ein Blick zurück: Nach dem Pharmaziestudium hat Fankhauser eine Dissertation mit dem Titel «Haschisch als Medikament» verfasst. Er sei kein «alter Kiffer», sagt der Apotheker. Aber das Interesse an Cannabis rühre sicher auch daher, dass die Pflanze verboten sei. Er knüpfte im Verlaufe der Arbeit viele Kontakte zu Forschern. Dieses Netzwerk wollte er nach Abschluss der Dissertation nutzen. «Ich fand es schade, dass die Pflanze so viele Möglichkeiten zu Heilzwecken bietet, die jedoch der Gesetzgebung wegen nicht genutzt werden können.» Zur Erklärung: Die gesetzlichen Regelungen betreffen nur Hanfpflanzen, die einen einprozentigen oder höheren THC-Gehalt haben. THC – Tetrahydrocannabinol – ist der Hauptwirkstoff des Hanfs.

Tieferprozentige Pflanzen sind legal. Doch Fankhauser hat dem Schweizer Betäubungsmittelgesetz ein Schnippchen geschlagen. «Im Gesetz steht, verboten sei alles, was aus der Hanfpflanze hervorgehe.» Doch THC kann mittels eines speziellen Verfahrens synthetisch gewonnen werden. Fankhauser wurde beim BAG vorstellig, dieses erteilte ihm aufgrund der Gesetzeslücke eine Ausnahmebewilligung: Seit vier Jahren kann der Apotheker das synthetische THC aus Deutschland importieren und weiterverarbeiten zum fertigen Medikament, sogenannten Dronabinol-Tropfen.

Vom BAG überwacht
Zu Beginn bewilligte das BAG 5 Patienten, inzwischen sind es über 500 aus der ganzen Schweiz, die Dronabinol verschrieben bekommen haben. Cannabis als Heilpflanze wie auch das synthetische Dronabinol wirken schmerzstillend und krampflösend. «Die Hälfte aller Patienten sind von multipler Sklerose (MS) betroffen», sagt Fankhauser. Andere seien Spastiker. «Bei korrekter Dosierung lösen die Cannabispräparate wie auch das synthetische Medikament keinen Rausch aus», so Fankhauser.
Bevor ein Patient jedoch ein Rezept erhält, muss sein Arzt beim BAG ein Gesuch einreichen. Die Abgabe des Medikaments erfolgt in kleinen Mengen. Die Missbrauchsgefahr schätzt Fankhauser als sehr gering ein. Zumal die THC-Dosierung im Medikament um ein Vielfaches geringer sei als in einem Joint. Fankhauser begrüsst die Bewilligungspflicht. Dennoch wendet er ein: «Während die Cannabispräparate gut verträglich sind und kaum Nebenwirkungen kennen, sind andere, teilweise rezeptfreie Medikamente bedeutend gefährlicher.»
Mit einer Vielzahl von Schmerzmitteln könne man sich mit einer Überdosis das Leben nehmen, mit zu viel Cannabis nicht. «Geht es um Hanf als Medikament, kommt immer die politische Komponente ins Spiel.» Fankhauser werde öfters nach Rezepturen für die private Herstellung von Cannabistinkturen gefragt. «Und ich erteile schon mal Ratschläge», gibt der Apotheker zu. Damit bewege er sich in einer Grauzone. «Ich darf ja nicht zur Einnahme eines verbotenen Betäubungsmittels raten.»

«Cannabis ist stigmatisiert»
Manfred Fankhauser macht eine Unterscheidung zwischen Cannabis als Droge oder als Medikament. «Auch ich hätte Mühe, wenn meine Söhne kiffen würden.» Er verurteile Drogenmissbrauch. «Doch mit Cannabis verhält es sich wie mit anderen Medikamenten: Sie können missbraucht werden.» Es gebe einfach Patienten, denen kein herkömmliches Medikament helfe. «Man schätzt, dass die Hälfte der MS-Patienten Erfahrungen mit Cannabis macht.» Das seien Menschen, die nichts mit Drogen zu tun haben wollten, im Hanf aber ein Mittel zur Bekämpfung ihrer Leiden fänden. Fankhauser ist ein Pionier auf seinem Gebiet. «Cannabis ist stigmatisiert», sagt er. Zu Unrecht, denn Hanf sei zuerst ein bewilligungspflichtiges Betäubungsmittel gewesen und erst später zur Droge geworden.

Presseschau: Niederlande: Gericht bestätigt Cannabisverbot für ausländische Touristen (Der Spiegel)

Der Spiegel berichtet über die geplante Veränderung der Regelungen für niederländische Coffee-Shops. Sie sollen Cannabis nur noch an Mitglieder mit einem Wohnort in den Niederlanden abgeben dürfen. Die Regelung ist nun für die drei südlichen Provinzen in Kraft getreten und soll im kommenden Jahr auf das ganze Land ausgedehnt werden. Ein Gericht hat die Rechtmäßigkeit der Regelung bestätigt.

www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,830285,00.html
Niederlande: Gericht bestätigt Cannabisverbot für ausländische Touristen
27. April 2012

Die niederländische Regierung will den Drogentourismus eindämmen - und darf dazu Coffeeshops verbieten, Cannabis an Touristen aus dem Ausland zu verkaufen. Ein Gericht bekräftigte die Rechtmäßigkeit des Gesetzes, das zunächst für drei Provinzen gilt. Die Entscheidung wurde heftig kritisiert.
Den Haag - Die Einführung eines Cannabis-Ausweises in den Niederlanden ist rechtens. Ein Gericht in Den Haag bestätigte am Freitag ein damit verbundenes Verbot des Verkaufs von Cannabis an Ausländer. Der Cannabis-Ausweis, den nur Volljährige mit festem Wohnsitz in den Niederlanden erwerben dürfen, kann somit in den Provinzen Zeeland, Nord-Brabant und Limburg am 1. Mai eingeführt werden. Limburg liegt direkt an der Grenze zu Deutschland.
Im kommenden Jahr soll die Gesetzgebung in den gesamten Niederlanden gelten. Die Regierung in Den Haag will mit dem Verbot den Drogentourismus eindämmen. Auch aus Deutschland fahren Konsumenten in grenznahe Coffeeshops, um dort Marihuana-Produkte einzukaufen.

In dem Urteil heißt es, das Gericht stimme der Einschätzung der Regierung zu, dass der Kampf gegen Drogenhandel und die damit einhergehende Kriminalität das Verbot rechtfertige. Jedoch rechnen Städte wie Amsterdam, wo das Verbot noch eingeführt werden soll, mit erheblichen Nachteilen für den Tourismus. Amsterdams Bürgermeister Eberhard van der Laan sagte, es müsse ein Kompromiss gefunden werden.
Das Gesetz wird auch von Besitzern und Betreibern von Coffeeshops kritisiert, die umfangreiche Einbußen befürchten. Das Urteil sei politisch motiviert, sagte Anwalt Maurice Veldman, der zusammen mit einem Team die Interessen der Betreiber vertritt. "Der Richter hat die wichtigste Frage nicht beantwortet: Können Ausländer in einer Frage der öffentlichen Ordnung diskriminiert werden?", sagte Veldman. Er will Einspruch gegen das Urteil einlegen.
Besitzer von Coffeeshops in Maastricht, unweit der Grenze zu Deutschland, kündigten an, das Verbot zu missachten, um die Regierung in Den Haag zu zwingen, einen Präzedenzfall gegen einen von ihnen anzustrengen. Auch die Städte Tillburg und Breda kritisierten die Einführung des Verbots. Eindhoven und Dordrecht wollten sich der Initiative vorab anschließen, um einen Ansturm ausländischer Konsumenten zu verhindern.
Offiziell ist der Verkauf von Cannabis in den Niederlanden schon jetzt illegal. Er wird jedoch nicht bestraft, solange die Anbieter keine Werbung für ihre Produkte machen und keine größeren Mengen als fünf Gramm an Einzelpersonen abgeben.

Presseschau: Der Cannabis-Forscher (Fudder)

Das online-Magazin Fudder, das über Nachrichten aus Freiburg berichtet, stellt den international renommierten Freiburger Cannabinoid-Experten Prof. Bela Szabo vor. Er hat noch nie Cannabis konsumiert, plant es aber, wie er im Interview mit dem Magazin erläutert.

fudder.de/artikel/2012/05/04/der-cannabis-forscher/
Der Cannabis-Forscher
4. Mai 2012

Bela Szabo ist Professor für Toxikologie und Pharmakologie an der Uni Freiburg. Sein Forschungsgebiet: Cannabis. Im Interview spricht er über Kiffen als Schmerzmittel, Risiken und Nebenwirkungen.

Herr Professor Szabo, worüber forschen Sie?
Bis in die neunziger Jahre war unbekannt, wie Cannabis eigentlich wirkt. Heute ist klar: Menschen und Tiere haben spezielle Cannabinoid-Rezeptoren im Körper. Meine Forschungsgruppe erforscht die Wirkung von Cannabinoiden auf das Nervensystem. Ihre Grundwirkung ist die Hemmung der synaptischen Transmission, also der Übertragung zweier Neuronen. Die kommunizieren miteinander über Botenstoffe - und Cannabinoide hemmen deren Freisetzung.

Und wie sieht das aus, verwenden Sie Kiffer als Versuchsobjekte?
Es werden Gehirne von Mäusen entnommen, in feine Scheibchen geschnitten und mit einer cannabishaltigen Nährflüssigkeit versorgt. Dann stechen wir feine Glas-Mikroelektroden in die Nervenzellen des Gehirnschnittes und leiten elektronische Signale von den Nervenzellen ab. Damit können wir die Übertragung zwischen zwei Nervenzellen untersuchen. Wir betreiben also Grundlagenforschung: Wir untersuchen, wie gewisse Phänomene funktionieren und daraus entwickeln sich häufig zufällig therapeutische Anwendungsmöglichkeiten.

Welche Krankheiten kann man mit Cannabis behandeln?
Derzeit ist in Deutschland ein Medikament auf Cannabinoid-Basis für Multiple Sklerose zulässig. Da hilft es gegen Schmerzen, Probleme mit der Harnblase und Spasmen. In den USA werden Cannabinoide bei Aids eingesetzt: Aidspatienten im finalen Stadium sind oft sehr abgemagert. Cannabis kann hier zur Gewichtzunahme eingesetzt werden, weil es den Appetit anregt. Bei einer Chemotherapie hilft es gegen Brechreiz und Übelkeit.

Aber mal im Ernst: Kiffen als Therapie?
Es ist so: Die Einnahme durch Rauch hat gewisse Vorteile. Es ist eine sehr effiziente Applikationsart, da man den Stoff direkt durch die Lunge aufnimmt und die Cannabinoide direkt ins Blut gehen. Dadurch lässt sich die Dosis besonders gut einstellen, weil man schnell merkt wenn die gewünschte Wirkung eintritt. Beim synthetischen Formen wie Tropfen oder Tabletten setzt die Wirkung viel später ein, was zur Wirkungslosigkeit oder Überdosis führen kann.
Rauchen will man aber aus zwei Gründen vermeiden: Zum einen, weil es stark verbunden ist mit dem missbräuchlichen Konsum von Cannabis. Ärzte und Pharma-Firmen wollen weg von diesem negativen Image. Wenn sie Cannabis verabreichen, dann auf eine seriöse Art. Zweitens, weil man beim Rauchen natürlich auch schädliche Stoffe zu sich nimmt, die Lungenkrebs verursachen können. Es gibt zwar Geräte, bei denen man weniger Schadstoffe einatmet, aber ein gewisses Risiko bleibt.

Wenn Cannabisrauch eine gut dosierbare Art der Anwendung für viele Therapien ist, sollte Ihrer Meinung nach Kiffen legalisiert werden?
Wenn Cannabis vernünftig geraucht wird, hat es eindeutig weniger organschädigende Nebenwirkungen als Tabak oder Alkohol. Aber wir haben in unserer Gesellschaft schon genug Probleme mit Ethanol und Tabak, warum sollten wir ein neues schaffen? Es ist ja nicht so, dass man jetzt Tabak auf die schwarze Liste der EURopäischen Staaten setzt und stattdessen Cannabis erlaubt.

Warum werden Cannabis-Medikamente noch nicht im großen Stil angewandt?
Unser Gehirn, aber auch das periphere Nervensystem, sind voll von Cannabinoid-Rezeptoren. Deshalb ist es schwierig gute Medikamente zu entwickeln, die mithilfe von Cannabinoiden wirken, weil es immer sehr viele Wirkungen gleichzeitig gibt. Das heißt neben dem gewünschten Effekt, zum Beispiel der Schmerzlinderung, treten an vielen Orten des Nervensystems unerwünschte Nebenwirkungen auf, zum Beispiel: Stimmungsschwankungen, Depression bis zur Selbstmordgefährdung, Angstzustände oder Übelkeit.

Kann man die Nebenwirkungen nicht irgendwie ausschalten?
Es ist noch viel zu erforschen. Man probiert zum Beispiel psychische Wirkungen wie Schizophrenie ganz speziellen Nervenzellen zuzuordnen - um unerwünschte Nebenwirkungen zu vermeiden. Außerdem gibt es nicht nur Cannabinoide von Pflanzen und synthetische Cannabinoide von Pharmafirmen, sondern unser Gehirn synthetisiert endogene, also körpereigene Cannabinoide. Das ist auch eine Entwicklungsmöglichkeit: Man führt Cannabinoide nicht von außen zu, sondern erhöht den Spiegel der endogenen Stoffe mithilfe potenzieller Pharmaka. Möglicherweise ist diese Methode mit weniger Nebenwirkungen behaftet.

Haben Sie an sich selber schon Cannabis ausprobiert?
Leider nicht, aber ich plane das. Ich hatte noch nie Zugang zu Haschisch, das liegt an meiner ungarischen Vergangenheit. Als ich jung war, war Cannabis kein Thema im sozialistischen Ungarn. Bis zur Wende wussten die Leute fast nichts darüber.

Zur Person
Bela Szabo wurde 1957 in Budapest geboren, kam 1984 zum ersten Mal an die Uni Freiburg und ist dort seit 2002 Professor für Toxikologie und Pharmakologie. Eine seiner letzten wissenschaftlichen Aufsätze (gemeinsam mit M.J. Urbanski und F.E. Kovacs 2010 in der Fachzeitschrift "Neuroscience" veröffentlicht) trägt den Titel "Endocannabinoid-mediated synaptically evoked suppression of GABAergic transmission in the cerebellar cortex".

Presseschau: Drei Jahre Bewährung wegen unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln (Mainpost)

Erneut wurde ein Schmerzpatient, der Cannabis zur Linderung seiner Symptome verwendete, zu einer Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt. Bewährung bedeutet, dass er für die nächsten drei Jahre Cannabis nicht verwenden darf.

www.mainpost.de/regional/main-tauber/Drei-Jahre-Bewaehrung-wegen-unerlaubten-Besitzes-von-Betaeubungsmitteln;art775,6744402
Drei Jahre Bewährung wegen unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln
22. April 2012

Ein laut Anklage noch als Verbrechen bezeichneter Verstoß zweier Eheleute gegen das Betäubungsmittelgesetz ließ sich letztlich doch nicht mehr in dieser Härte aufrechterhalten. Denn, wie das Ergebnis der Beweisaufnahme zeigte, hatte das Paar einen durchaus nachvollziehbaren und ernst zu nehmenden, wenn auch nicht rechtfertigenden Grund, warum es sich über die Vorschriften des Strafrechts hinweggesetzt hatte.

Die 42-jährige, im medizinischen Bereich tätige Angeklagte und ihr drei Jahre älterer Mann waren durch Fernsehberichte auf die Idee gekommen, seine nach einem Motorradunfall nicht enden wollenden Schmerzen durch unkonventionelle Methoden vielleicht in den Griff zu bekommen. Die Behandlung mit einer Salbe aus Cannabissamen sollte möglicherweise Linderung bringen, so ihre neue Erkenntnis.

Also machten sie sich im Internet schlau, erwarben auf diesem Weg 19 Cannabispflänzchen und fanden auch problemlos die passende Anleitung zu deren Anbau und Aufzucht, womit sie die Kosten für eine derartige „Medizin“ in verkraftbaren Grenzen zu halten hofften. Dass dabei auch noch ein wenig für den Eigenkonsum abfiel, verschwiegen die Angeklagten jedoch nicht.
2011 wagten sie schließlich den Schritt zum Hobbygärtner, deklarierte einen Teil eines Zimmers ihrer Wohnung im mittleren Main-Tauber-Kreis zur Aufzuchtanlage, teilten diesen Bereich mit innen mit Alufolie tapezierten Styroporplatten ab und versahen die Anlage entsprechend der Anleitung dann mit den nötigen Lampen. Doch bevor ihre Bemühungen Früchte tragen und sie sich an die Herstellung einer lindernden Salbe machen konnten, erschien die Polizei auf der Bildfläche und machte den noch nicht ganz erntereifen Pflänzchen den Garaus.

Monatelange Angst
Nach der Schilderung ihrer Motivation durch die Angeklagten herrschte nicht nur bei den beiden Verteidigern, sondern auch bei Staatsanwalt und Richtergremium Übereinstimmung darüber, dass die Tat nicht mehr als Verbrechen mit einer Mindeststrafe von einem Jahr, sondern nur als minderschwerer Fall zu bewerten sei. Auch in der Ansicht, welche Strafe für das Ehepaar angemessen sei, herrschte Einigkeit. Dabei konnten die Angeklagten nicht nur damit punkten, dass sie sich zuvor noch nie etwas hatten zuschulden kommen lassen und die sichergestellte Menge an Rauschgift nur knapp über der Marge der „nicht geringen Menge“ lag. Sie zeigten sich auch geläutert, wie ihr Geständnis und die Beteuerungen des Mannes verdeutlichten, der von einer monatelangen Angst und Anspannung in Erwartung des Prozesses sprach, die man nie mehr durchmachen wolle.

Im Ergebnis wurden die Eheleute wegen unerlaubten Besitzes von Betäubungsmittel in nicht geringer Menge zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten verurteilt, die sie nicht verbüßen müssen, da die Strafe angesichts positiver Sozialprognose auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde. Als Auflage dürfen sie zudem keinerlei Umgang mehr mit illegalen Drogen pflegen, müssen dies viermal jährlich mittels Drogenscreenings unter Beweis stellen und mit Zahlungen von 1500 EURo (der besser verdienende Ehemann) und 500 EURo (seine Frau) eine gemeinnützige Organisation unterstützen. Die Angeklagte, ihre Verteidiger und auch der Staatsanwalt nahmen das Urteil sofort an.

Presseschau: Kalifornien: Kiffen gegen die Schmerzen (Die Zeit)

Die Zeit berichtet über den Umgang mit dem medizinischen Potenzial von Cannabis im US-Staat Kalifornien, in dem bereits 1996 die medizinische Verwendung von Cannabis legalisiert wurde. Gerade hat mit Connecticut der 17. Staat der USA die medizinische Verwendung von Cannabis legalisiert.

www.zeit.de/zeit-wissen/2012/03/Cannabis-gegen-die-Krise/seite-1
Kalifornien: Kiffen gegen die Schmerzen
Von Sebastian Poliwoda, 2. Mai 2012

Kalifornien ist mal wieder weiter als andere: Dort dürfen Menschen Marihuana konsumieren, wenn es ihrer Gesundheit dient. Ein Vorbild auch für Deutschland?

Vor der Tür stehen drei Sicherheitsleute mit Sonnenbrille und Waffe. Noch mal zwei direkt an der Tür. Dann ein Metalldetektor, an dem sich die Kunden mit einer Patient Identification Card ausweisen müssen. Hinter dem Metalldetektor schließlich öffnet sich die lichte Verkaufshalle mit bodentiefen Fenstern und 20 Überwachungskameras an den Decken. Eine Mischung aus H&M und Club-Lounge, mit hellen Bastteppichen ausgelegt. Dazwischen braune Läufer, die zu einem der neun gläsernen Verkaufstresen führen. Unter den blank polierten Glasscheiben das Sortiment: 36 verschiedene Marihuana-Sorten, in Schälchen aufgereiht. Darüber 38 Edelsteindöschen mit braunen Haschisch-Krümeln, das Stück ab 35 Dollar. Außerdem Marihuana-Seife, Shampoos, sieben Sorten Cannabis-Schokolade, fertig gedrehte Joints, Karamellbonbons. Willkommen im Harborside Health Center, der größten Marihuana-Apotheke in der Region San Francisco.

Zwar ist der Gebrauch von Marihuana nach nationalem US-Recht illegal und damit strafbar, aber Kalifornien und 15 weitere US-Bundesstaaten erlauben es seit 1996 für medizinische Zwecke. In Deutschland ist so etwas momentan noch undenkbar. Doch glaubt man vielen Forschern und Ärzten, die sich mit dem Thema beschäftigen, sollte, nein, müsste sich das ändern. Und zwar sehr bald. Denn Marihuana soll diverse Krankheiten lindern können, von Herz- über Nervenleiden bis zu Krebs.

Außerdem lässt sich viel Geld mit dem Stoff verdienen – in Kalifornien auf legale Art und Weise. Das für die Steuererhebung zuständige Board of Equalization schätzt, dass in dem Bundesstaat knapp 18 Milliarden Dollar jährlich mit Marihuana umgesetzt werden. Davon fallen etwa 1,4 Milliarden Dollar an Steuern ab. So wäre es doch sinnvoll, sagen viele US-Bürger, Cannabis ganz zu legalisieren und den neuen Wirtschaftszweig weiter auszubauen: Kiffen gegen die Staatskrise.

Doch es gibt Widerstände. 2010 stimmten die Bürger über die komplette Freigabe von Marihuana ab: 53,5 Prozent waren dagegen, darunter vor allem Republikaner, die Bierbrauergewerkschaft und die Pharmalobby – die wohl nicht ganz uneigennützige Interessen hatten. 46,5 Prozent waren für die Freigabe: Demokraten, Forscher oder auch Polizisten. Letztere sicher mit dem Kalkül, dass es dann weniger Drogendelikte geben würde.

Doch die Abstimmung war nicht das Ende der Debatte, der Kampf geht weiter. Kalifornien ringt mit Washington, Legalisierer streiten mit Politikern, Züchter kämpfen gegen die nationale Drogenbehörde, Ärzte gegen Ignoranz. Und Patienten gegen ihre Leiden. »Hier herrscht Krieg«, sagt Richard Lee, Kopf der Legalisierungsbefürworter, »der Krieg um das Kraut.« Lee leitet die Oaksterdam University, die ihren Sitz im Stadtzentrum von Oakland hat, 20 Autominuten von San Francisco entfernt. Ein weißer Steinklotz mit fünf Stockwerken, verspiegelter Fensterfront und einem Graffito über der kompletten Seitenwand. Seit Lee die Universität 2007 gegründet hat, haben über 15.000 Studenten hier alles über Anbau und Hege, Ernte und Verkauf von Cannabis gelernt. Um dann als lizenzierte Anbauer selbst zu züchten oder eine Cannabis-Apotheke zu betreiben.

Der Red Diesel steht in voller Blüte. Zärtlich streicht Mike Parker über die Blätter. Er hat acht Kinder »und 129 Babys«: 129 Cannabis-Pflanzen flattern im warmen Wind, verteilt auf fünf Räume, unter viel Licht und ständig ventiliert. Big Mike, wie ihn alle hier nennen, ist ein Hüne mit Rauschekinnbart. Er leitet das Labor an der Oaksterdam-Universität. »Die weibliche sexuelle Frustration ist an allem schuld«, sagt er. Denn nur die weiblichen Pflanzen bilden die Blüten, die geerntet werden. Sie wollen mit männlichen Pollen bestäubt werden, deshalb treiben sie immer mehr Blüten aus. Aber männliche Pflanzen gibt es in der Cannabis-Zucht nicht. Eine sieben Meter hohe Pflanze in freier Natur kann aus lauter Frust schon mal vier Kilogramm Blüten tragen. Die werden abgeschnitten und getrocknet – fertig ist das Marihuana. Das gepresste Harz der Pflanze, das eigentliche Haschisch, nennt sich auch Shit.

Dessen süßlicher Duft aus öffentlicher Toilette, getragenen Strümpfen und frisch geschnittenem Rasen hängt im gesamten Gebäude der Universität. Der zentrale Hörsaal liegt im zweiten Stock. 76 Studenten lauschen dort dem Anwalt James Clark. »Die Rechnung ist einfach«, sagt er: »Für den Besitz von 100 Pflanzen kriegen Sie laut US-Bundesrecht ein Jahr, für 1000 Pflanzen zehn Jahre Gefängnis. Minimum.« Einige der Zuhörer schütteln verständnislos den Kopf. Gut zwei Drittel sind Männer, viele entsprechen dem Klischee des Marihuana-Fans mit ihren Caps, Rastazöpfen oder kahl rasierten Köpfen. Aber auch übergewichtige Familienväter mit Handy am Gürtel sitzen da, sowie Surfertypen und ältere Herren mit Jaguar-Cabrio vor der Tür. Ein Querschnitt der Gesellschaft.

Uni-Gründer Lee kennt die medizinischen Vorzüge aus eigener Erfahrung

Die Studenten erfahren in den Vorlesungen und Seminaren alles über THC und CBD. Das sind die magischen Buchstaben. Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) ist der eine Wirkstoff im Cannabis, Cannabidiol (CBD) der andere. THC wirkt stark psychoaktiv, CBD dagegen, das Cannabidiol, hat kaum einen Einfluss auf die Psyche. Hinzu kommen etwa 600 weitere Inhaltsstoffe, deren Zusammenspiel bis heute noch nicht wirklich erforscht ist. Bekannt dagegen sind die umfassend schmerzlindernden, entzündungshemmenden und nervenschützenden Kräfte von THC und CBD.

Vor allem das Cannabidiol rückt immer stärker in den Fokus der Forscher, sowohl in der Krebsforschung, etwa bei der Behandlung von Hirntumoren oder Brustkrebs, als auch in der Kardiologie. Eine Studie des amerikanischen staatlichen National Institute of Health (NIH) hat gezeigt, dass CBD bei der diabetischen Kardiomyopathie – einer Herzkrankheit, die in Verbindung mit der Zuckerkrankheit auftritt und Tausende Menschen auch in Deutschland betrifft – ein »großes Behandlungspotenzial besitzt, indem es oxidativen Stress reduziert«. Belegt ist auch, dass Cannabis bei der multiplen Sklerose Schmerzen und Spasmen nimmt; dass es bei Aids die Schluckbeschwerden und die Appetitlosigkeit lindert; dass es bei Depressionen die Stimmung aufhellt oder beim Glaukom den Augeninnendruck verringert. Für 30 weitere Krankheiten, darunter Parkinson, Schlaganfall oder Anämie, ist dokumentiert, dass Cannabis zumindest die Symptome bessert.

Uni-Gründer Lee kennt die medizinischen Vorzüge aus eigener Erfahrung. Seit einem Arbeitsunfall Mitte der achtziger Jahre sitzt er im Rollstuhl, er raucht Cannabis gegen den Phantomschmerz in den Beinen. Seine Rolle in der Diskussion um die Freigabe von Marihuana spielt er allerdings herunter: »Ich bin nur ein kleiner Krieger in einem großen Krieg. Aber mittlerweile haben wir eine große Armee.«

Das Harborside Health Center ist ein wichtiger Stützpunkt dieser Armee. Die Marihuana-Apotheke versucht, bei den Politikern nicht aufzufallen und in aller Ruhe ihren Geschäften nachzugehen. Drei Sicherheitsschleusen nach der Verkaufshalle ruht hinter einer silbernen Tresortür Stoff im Wert von mehreren Millionen Dollar. Der teuerste lagert hier nochmals im Safe verschlossen, daneben ist Marihuana säckeweise gestapelt, in acht deckenhohen Regalen auf beiden Seiten.

»Alles für die Patienten«, beteuert Steve DeAngelo, der Direktor, mit sanfter Stimme. Zeitungsartikel über seine Apotheke bedecken die Wand hinter ihm. 20 Millionen Dollar nimmt DeAngelo pro Jahr ein, »über 50000 Dollar am Tag«. Er ist einer der zehn größten Steuerzahler in Oakland, beschäftigt 80 Angestellte hier und 40 in einer zweiten Apotheke in San José. Sein Marihuana sei »absolut sauber«, sagt Richard Lee. »Harbourside hat als erste Apotheke Marihuana in Labors testen lassen.«

Das kann man etwa bei Pure Analytics in Santa Rosa tun, zwei Stunden nördlich von San Francisco. Samantha Miller fixiert dort mit dem Okular eine Blüte auf dem Objektträger des Mikroskops. »Fungus«, Pilzbefall, sagt sie nach einem kurzen Blick. Miller testet in ihrem Labor Cannabis auf Reinheit, THC- und CBD-Gehalt, auf Pestizide und Pilze. Sie prüft für rund 60 Züchter und Apotheken. Bis zu 800 Proben untersucht sie pro Monat. »Das ist Dienst am Patienten«, sagt sie. »Kalifornien hat dadurch das sauberste Marihuana.« In Deutschland hingegen gibt es laut Hanfverband auf dem Schwarzmarkt so gut wie kein Marihuana, das nicht gestreckt ist – mit Sand, Haarspray oder Glas.

Es ist auch die Qualität des kalifornischen Marihuanas, die Richard Lee zu der Prognose veranlasst, es sei nur noch eine Frage der Zeit, »bis die Freigabe kommt«. Davor aber stehen so mächtige Institutionen wie die Drug Enforcement Administration, die nationale Drogenbehörde der USA. Ihre Polizisten werden nicht müde, mit Maschinenpistole und kugelsicherer Weste willkürlich Marihuana-Apotheken auch in Kalifornien zu schließen oder Züchtern die Plantagen umzupflügen. Denn es steht immer noch Bundes- gegen Staatenrecht, und Bundesrecht siegt.

Das Durchschnittsalter der Patienten beträgt 39 Jahre

»Es ist alles so absurd, was da passiert«, sagt Yvonne White, 58. Sie sitzt seit 1988 im Rollstuhl, Hüfte und Sprunggelenke sind festgeschnallt, der rechte Arm ist gelähmt. 1979 hat man bei ihr multiple Sklerose festgestellt. »Ich hatte sieben gute Jahre seit dem Ausbruch. Das war’s.« Ihre blauen Augen funkeln in ihrem dunklen Gesicht. »Mit Cannabis kann ich die meisten von den vielen Tabletten einfach weglassen.« Sie braucht kein Valium mehr, kein Vicodin, ein Morphinderivat, »und das ganze andere Zeugs auch nicht. Wenn ich das alles nehme, bin ich groggy, schlafe nur, hab keinen Willen mehr, nichts.« Stattdessen raucht sie acht Joints pro Tag. »Jetzt kann ich wieder jeden Sonntag in die Kirche gehen.« Dann zieht sie sich die Lippen nach. Und lächelt.

Marjorie Gardiner, 74, ist das Lächeln vergangen. »Das ist alles so schlimm«, sagt sie, während sie im Hauptraum der Berkeley Patients Group an einer Plastikdose mit Sour Diesel riecht. »Schizophren ist das hier in Kalifornien. Dabei will ich bloß meine blöden Schmerzen loswerden.«

Gardiners arthritisch verkrüppelte Hände können die Dose kaum halten. Sie ist klapperdürr, trägt Kopftuch und Paisleybluse. Sie hat eine künstliche Hüfte und zwei künstliche Kniegelenke. »Marihuana ist immer noch billiger als die ganzen Tabletten, die ich sonst schlucken müsste. Die machen mich dämlich, die Dinger. Das bin dann nicht mehr ich.« Sie stopft sich ihre Glaspfeife. »Mein Doktor sagt, er sei froh, dass ich nicht saufe gegen die Schmerzen.«

Amanda Reiman, eine Ärztin mit einem Tattoo vom Knöchel bis zum Knie leitet die Verteilungsstelle der Berkeley Patients Group: »Wir fragen nicht, ob jemand das Marihuana wirklich braucht. Auch ein Apotheker sagt ja nicht: Sie sehen aber nicht wie jemand aus, der ein Anti-Depressivum braucht!« Das Durchschnittsalter der Patienten hier beträgt 39 Jahre. Sie sitzen auf hellen Stühlen, stopfen sich ihre Pfeife und schauen aus der verglasten Rotunde auf die San Pablo Avenue.

Der wohl entscheidende Schlüssel für die Wirkung von Cannabis ist das sogenannte Endocannabinoid-System – ein körpereigenes Botenstoffsystem, das ähnliche Angriffspunkte hat wie Cannabis. Die Endocannabinoide, vor allem das sogenannte Anandamid, aktivieren zwei Rezeptoren, die vor allem im Gehirn sitzen. Sie regeln dort etwa das Hungergefühl, schützen aber auch vor zu großer neuronaler Aktivität. Fällt das Endocannabinoid-System aus oder funktioniert es nicht richtig, kann man Ängste kaum steuern oder negative Ereignisse nicht richtig löschen. In Tierversuchen zeigte sich zudem, dass ein Mangel an einem der Rezeptoren zu Depressionen führt, ein überaktives System mit zu vielen Rezeptoren dagegen zu Fettleibigkeit.

Im übrigen Körper haben die Endocannabinoide stark schmerzlindernde und entzündungshemmende Wirkung. Sie seien »an vielen Orten im Körper protektiv wirksam«, sagt Beat Lutz vom Institut für Physiologische Chemie der Universität Mainz. Er erforscht das Cannabinoid-System und seine Rolle für das Gedächtnis. »Das Endocannabinoid-System zu verstehen wird exponentiell komplizierter, je weiter es vom Gehirn weggeht«, sagt Lutz. »Es gibt noch viel zu entdecken.«

Studien legen zum Beispiel die Vermutung nahe, dass es auch eine Unterfunktion des Endocannabinoid-Systems geben kann, die zu schweren chronischen Krankheiten führen kann. »Generell können wir vom System viel mehr Gutes als Schlechtes sagen«, so Lutz.

Wichtig ist auch, wie Cannabis den Körper erreicht

Beat Lutz warnt allerdings auch vor einer allgemeinen Freigabe von Cannabis: »Wenn Cannabis in der Jugend geraucht wird, gibt es irreversible Schädigungen. Die Gehirnentwicklung von Jugendlichen reicht bis in die späte Pubertät. Die Hirnsynapsen werden dann nicht mehr verknüpft, was zu kognitiven Defiziten und zu einem vermehrten Auftreten von Depressionen und Epilepsie führt. Bei Jugendlichen muss man die Behandlung mit Cannabis sehr gut abwägen.«

Wichtig ist auch, wie Cannabis den Körper erreicht. Wird es geraucht, überschwemmen die Cannabinoide den Körper – die Wirkung lässt sich dann nur sehr schwer steuern. Und das kann Probleme machen, denn THC wirke »in geringen Mengen gegen Ängste, in hohen Konzentration aber erzeugt es sie«, sagt Lutz.

Donald Abrams sitzt in einem Zimmer des General Hospital, des Lehrkrankenhauses der University of California San Francisco. Zehn Auszeichnungen für seine Forschungen hängen an der Wand. Der Arzt war einer der Ersten, der Aids-Patienten Cannabis gab. Und der dabei nachwies, dass es signifikant Schmerzen reduzierte, Schlaflosigkeit, Depressionen und Übelkeit besserte. »Krebstherapeutika kann man nicht mit Cannabis ersetzen«, sagt er. »Aber man kann sie unterstützen. Eigentlich müssten wir Cannabis als eine Heilpflanze beurteilen.«

Brad Ramsey, 49, ein Patient von Abrams, ist seit 1982 HIV-infiziert, 1992 kamen die ersten Symptome. Er nimmt an einer Aids-Studie mit Cannabis teil. »Das Zeug ist das Einzige, was gegen die Übelkeit hilft. Auf das gängige Medikament reagiere ich allergisch. Jetzt habe ich sogar zugenommen.« Er streckt seinen dünnen Bauch in die Sonne.

Für Patienten wie Ramsey forscht Mike Parker. Er beschallt seine Pflanzen mit Musik. Während der Wachstumsphase mit Mozart oder Chopin, während der Ernte mit Lynyrd Skynyrd oder Iron Maiden. Jeden Morgen begrüßt er seine Pflanzen. »Die spüren genau, wenn du schlecht drauf bist, wenn du Probleme hast. Das sind lebende Geschöpfe.«

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